Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


telefongeschichte:erfinder

Wer sind die eigentlichen Erfinder des Telefons?


Mobiltelefon und Internet

„Was heute selbstverständlich ist, war vor gar nicht langer Zeit noch ein phantastischer Traum - es begann mit einer Hoffnung eines Mannes: Alexander Graham Bell. So oder ähnlich beginnen viele Berichte über die Erfindung des Telefons.“

Als ehemaliger TN-Mitarbeiter und heutigem Mitglied des GVIT berühren den Autor des Artikels diese einseitigen Berichte zutiefst und ist deshalb der Frage nachgegangen:
“ Wer sind die Erfinder des Telefons und warum wird das Wirken des Telefonerfinders Philipp Reis nicht mehr gewürdigt?“

Fakt ist, dass Bell die grundlegenden Ideen für sein Telefon aus Materialien von Erfinderkollegen holte: So z.B. von unserem deutschen Tüftler Johann Philipp Reis (1834-1875) der seinen „Sprechapparat“, dem er 1861 den Namen „Telephon“ gab und der Forschung überlassen hatte. Wissenschaftler vieler Länder – so auch Bell – experimentierten damit.
Doch ich möchte der Reihe nach in chronologischer Folge über das Ergebnis meiner Recherchen berichten und damit den Versuch unternehmen, die Frage zu beantworten.

Philipp Reis in Friedrichsdorf

Wann Philipp Reis, 1834 im hessischen Gelnhausen geboren, ernsthaft begonnen hat, sich mit der Entwicklung des „Telefons“ zu befassen, weiß man nicht genau, es muss jedoch unmittelbar nach dem Umzug nach Friedrichsdorf 1852 gewesen sein. Auf einer Reise in die Schweiz mit seinem ehemaligen Lehrer Dr. Poppe erzählte Reis ihm von einer Idee – angesichts einer langen Reihe von Telegraphenmasten entlang einer Straße: Während seiner Lehrzeit sei ihm der Gedanke gekommen, „musikalische Töne auf elektrischem  Wege in die Ferne zu senden“. Doch leider seien seine Versuche fehl geschlagen und so habe er das Projekt wieder aufgegeben. Hier taucht also erstmals das Telefon in seiner Vita auf!

Inzwischen war die Landgrafschaft preußisch geworden, was sich auch auf das Schulsystem auswirkte. Unterrichten durfte nur noch, wer ein Lehrerexamen nachweisen konnte – und das besaß Reis ja nicht. Da halfen auch keine Eingaben seines Arbeitgebers und seiner ehemaligen Lehrer. Fortan durfte er nur noch in den unteren Klassen unterrichten. Seinen Eingaben war auch sein Curriculum vitae beigefügt: Und hierin berichtet er von seiner Erfindung:

„Durch meinen Physikunterricht dazu veranlasst, griff ich im Jahre 1860 eine schon frühere begonnene Arbeit über die Gehörwerkzeuge wieder auf und hatte bald die Freude, meine Mühen durch Erfolg belohnt zu sehen, indem es mir gelang, einen Apparat zu erfinden, der es ermöglicht, die Funktion der Gehörwerkzeuge klar und anschaulich zu machen. Mit welchem man aber auch Töne aller Art durch den galvanischen Strom in beliebiger Entfernung reproducieren kann – Ich nannte das Instrument Telephon.“

Schon 1860/61 hat Johann Philipp Reis ein Gerät entwickelt, mit dem er über weite Entfernungen Töne übertragen konnte. Die Konstruktionsweise war einfach und dabei doch sehr elegant: Der Sender bestand aus einem an einem Holzkasten befestigten Schalltrichter, in den gesprochen wurde.

Als Lehrer baute er oft Modelle, um anschaulicher erklären zu können. Als nun das Ohr auf dem Lehrplan stand, kam ihm die entscheidende Idee: Er schnitzt das Ohr nach, wobei eine Membran das Trommelfell simuliert und eine Metallzunge den Hammer. Verbunden ist das Ohr über einen Kupferdraht mit einer Stricknadel. Geschlossen wird der Stromkreis, indem Schallwellen eine Vibration der Membran auslösen, diese dann an den Metallstift kommt und so dann den Strom weiterleitet. Kommt er an der Spule an, baut sich um die Stricknadel ein Magnetfeld auf und die Nadel beginnt leicht zu vibrieren, wobei zarte Töne entstehen. Um diese dann lauter hörbar zu machen, stellte Musiklehrer seine Geige als Resonanzkörper zur Verfügung.

Das Pferd frisst keinen Gurkensalat

Die Scheune hinter seinem Haus hatte Reis zur Werkstatt ausgebaut und von dort verlief der erste Telefondraht in das Wohnhaus. Als man das Telefon testete, sprach sein Schwager in den Geber (also das Ohr) und Reis wiederholte fehlerfrei die Sätze, die er am Nehmer (also der Stricknadel) verstand. Daraufhin machte man ihm den Vorwurf, er kenne das Buch ja auswendig. Also dachte sich der Sprecher Sätze aus, die scheinbar keinen Sinn ergeben, um es nachprüfbar zu machen. „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“. „Die Sonne ist von Kupfer“ lautete ein anderer Satz. Reis verstand: Die Sonne ist von Zucker. Fehlerfrei war also die Übertragung noch nicht und Reis entwickelte seine Modelle weiter.

Bis heute spaltet die Frage, ob Reis' Gerät zu so etwas überhaupt in der Lage war, die Fachwelt in zwei unversöhnliche Lager. Fraglos waren in Reis' Gerät alle Elemente eines Telefons enthalten. Das Prinzip des Senders war das gleiche das Bell später benutzte. Der entscheidende Nachteil von Reis' Konstruktion ist aber, dass er das geniale Prinzip seines „künstlichen Trommelfells“ nicht auch beim Empfänger anwandte. Hätte er auch hier anstelle einer Nähnadel auf einem Resonanzkörper eine Membran angebracht, die frei hätte schwingen können, wäre das Ergebnis zweifellos besser gewesen. Die Annahme, dass nur Töne oder bestenfalls Wortfetzen übertragen werden konnten, erscheint daher gerechtfertigt…….

Bald merkte Reis, dass es leichter war, Musik zu übertragen, was er gerne vorführte. Oft wurde dabei auf dem Horn geblasen, war aber kein Instrument zur Hand, so griff man auch schon mal zum Kamm. Sogar die Melodie ist überliefert: Es war der damalige Gassenhauer „Muß i denn zum Städtele hinaus…“

Physikalischer Verein Frankfurt

Dieses Stück spielte man neben Sprachübertragungen auch bei der ersten öffentlichen Vorführung am 26. Oktober 1861 in Frankfurt vor dem Physikalischen Verein. „Über Telephonie durch galvanischen Strom“ lautete sein Vortrag, von dem euphorisch am nächsten Tag die Zeitungen berichteten. Auch publizierte er seine Ergebnisse in der Vereinszeitschrift des Physikalischen Vereins. Am 11. Mai 1862 führt er vor dem Freien Deutschen Hochstift sein Telephon vor. 1863 führt Reis erneut vor dem Physikalischen Verein vor, und zwei Monate später (6.9.1863) wird das Reis -Telephon sogar dem in Frankfurt weilenden Kaiser von Österreich vorgestellt, doch leider nicht von Reis selbst. Vielleicht wäre die Vorführung sonst überzeugender gewesen.

Bereits 1862 formierte sich die Konkurrenz. Rolf Berzen, der ein grundlegendes, aber leider noch nicht veröffentlichtes Werk über die Telefonapparate von Philipp Reis geschrieben und die bisher gründlichsten Recherchen über den frühesten Bekanntheitsgrad besonders im Ausland vorgenommen hat, fand heraus, dass auf der Weltausstellung in London im Jahre 1862 bereits ein Nachbau des Reis`schen Senders (bereits 1861 vor dem Physikalischen Verein vorgeführt) ausgestellt wurde, und zwar von dem in Paris lebenden Instrumentenbauer Dr. Rudolph Koenig, es muss also von der frühen Ausführungsform mehrere Modelle gegeben haben. Neure Untersuchungen in den Archiven des Amerikanischen Nationalmuseums in Washington D.C. haben ergeben, dass Koenig im Oktober 1874 ein Reis-Telephon dorthin geschickt hatte, und dass der entscheidende Wissenschaftler dieser Institution, Prof. J. Henry, die Existenz dieses Apparates verschwiegen hatte, als Alexander Graham Bell sein eigenes Telefon zum Patent angemeldete. Er hatte Bell das Reis-Telephon bei dieser Gelegenheit zwar gezeigt, scheint jedoch aber dafür gesorgt zu haben, dass dieses auf der Weltausstellung in Philadelphia 1876 keine Erwähnung fand. Bell kannte also die Erfindung von Philipp Reis.

Leider bleibt Philipp Reis, dem Lehrer, die ersehnte Anerkennung durch die Wissenschaft versagt. Man sieht darin eher eine Spielerei. Als man ihm eine renommierte Veröffentlichung anbietet, lehnt er mit der Bemerkung ab: „Es ist zu spät“. Doch dem allgemeinen Publikum hält er seine Erfindung nicht vor, sondern erklärt in der „Gartenlaube„ den „Musiktelegraph“. In Frankfurt lässt er ab 1863 in kleiner Serie seinen Apparat bauen und verkauft sie zusammen mit einem „Prospectus“.

Doch allmählich zeigen sich erste Anzeichen der Lungenschwindsucht. Hoffnungsvoll kehrte Reis von einer Kur in Bad Soden im Taunus zurück, erkrankte aber bald wieder schwer. Nach Neujahr stand er nicht mehr von seinem Lager auf. Am 14. Januar 1874 um ca. 5 Uhr nachmittags starb Philipp Reis, nachdem er zuvor von seiner Familie und seinen Freunden Abschied genommen hatte:  „Dürfte ich den Kindern doch meine Kenntnisse hinterlassen, dann wären sie versorgt.“ Zu seinem früheren Lehrer Garnier sagte er: „Ich habe der Welt eine große Erfindung geschenkt, anderen muss ich überlassen, sie fortzuführen.“

Inzwischen hatte Heinrich von Stephan, der Generalpostmeister des Deutschen Reiches, mit der Einführung des Telefons begonnen. Dieses war via Amerika nach Berlin gekommen und vom Militär als nützlich erkannt. Bereits 1877 forderte von Stephan ein Telefon für jeden Haushalt und auf geht das lange Zeit praktizierte Telefonmonopol der Post zurück.

Als bekannt wurde, dass Reis der eigentliche Erfinder sei, konnte man  - wenn man auch nach den Plänen Bells baute - so die sonst anfallenden Lizenzgebühren einsparen. Den originalen Reis - Apparat forderte man nun aus Friedrichsdorf an und stellte ihn im neu gegründeten Reichspostmuseum in Berlin auf. Friedrichsdorf erhielt übrigens 1891 seine ersten Anschlüsse.

Alexander Graham Bell

Immer wieder wird Bell als Telefonerfinder genannt. Aber wie kommt das?

Schon früh setzte die Auseinandersetzung mit den Reis-Apparaten in den USA ein. Leider lässt sich die Rezeption nicht genau rekonstruieren – denn das Land war in den Wirren des Bürgerkrieges (1861-63) verstrickt. Doch bald nach der Konsolidierung setzt die Beschäftigung mit den Ergebnissen von Philipp Reis ein. So publizierte etwa Peter Henri van der Weyde seine Erfahrungen mit den Nachbauten des Reis-Telephons 1869/70 im renommierten Journal „Scientific American“. Und auf diesen Ergebnissen baute Alexander Graham Bell seine Entwicklung auf.

Während der sog. „Bell-Prozesse“ kamen die Richter immer wieder auf die Frage, wann Bell eigentlich von der Reis'schen Entwicklung erfahren habe. Bell versicherte hierauf: „Mein Eindruck ist, daß ich vor dem Experiment am 26. November 1874 nichts vom Reis-Telefon wußte.“ An jenem Tag, als Bell sein Durchbruch gelang, erfuhr er enttäuscht, dass bereits Reis das Prinzip der Elektrostriktion zur Reproduktion von Tönen genutzt hatte.

Was für Reis wohl eine technische Sackgasse war, sollte für Bell zu einem mächtigen Instrument im Kampf gegen die Western Union werden. Bei seinen Experimenten macht Alexander Graham Bell am 2. Juni 1875 eine spektakuläre Entdeckung. Mit dem Techniker Thomas Watson will Alexander Graham Bell seine Mehrfachtelegrafie verbessern und den Patentstreit gegen Gray für sich entscheiden. Sie spannen zwischen zwei Räumen eine Telegrafenleitung, an die mehrere Sender in einem Raum und mehrere Empfänger in einem anderen Raum angeschlossen sind. Doch die Experimente laufen nicht störungsfrei. Wieder einmal muss der Stromkreislauf abgestellt werden. Doch plötzlich vernimmt Bell aus dem Empfänger ein eigentümliches Geräusch. Watson hat mit dem Finger gegen ein verklemmtes Metallblatt getippt und dabei einen eigenen elektrischen Impuls erzeugt. Bell erkennt sofort die Tragweite: wenn Geräusche ein elektrisches Signal erzeugen können, dann muss das auch mit Sprache möglich sein. In nur einer Woche baut Bell nach seiner spektakulären Entdeckung sein erstes Telefon. letzt will er seinen Gönner Gardiner Hubbard mit einer Demonstration von seinem neuartigen Gerät überzeugen. Wie bei der Konstruktion des ersten telefonartigen Apparats von Philipp Reis werden aber nur einzelne Wortfetzen übeltragen.

Elisha Gray

Elisha Gray (1895-1901) war ein bekannter Erfinder in Illinois. Im Jahr 1874 war Bell mit Elisha Gray im Wettbewerb um als Erster einen „harmonischen Telegraphen“ zu erfinden. 1875 begann Gray Versuche Töne über elektrische Leitungen zu übertragen, deren Ergebnis er in einem Patentgesuch niederlegte.

Diesem Patentantrag kam jedoch Alexander Graham Bell um zwei Stunden zuvor, und Bells Antrag wurde dem von Gray vorgezogen. Für Gray ist der Wettlauf gegen Bell ein persönlicher Feldzug. Wagt es doch ein Laie, sich mit ihm zu messen. Gray erhält zu jener Zeit auch Zeichnungen eines Apparats, den sein deutscher Erfinder Telefon nennt und der Sprache übertragen soll. Doch Gray legt die Skizzen einfach zur Seite, betrachtet das Telefon, wie schon sein Erfinder Philipp Reis, lediglich als Spielerei - ein großer Fehler.

Bell's Patent

Bei seinem Patentgesuch reichte Bell 1876, also zwei Jahre nach Reis’ Tod, das sog. „Interimsmodell“ ein. Er knüpfte an einer Zwischenstufe von Reis an – einem Magnetsystem mit Weicheisenanker sowie noch gedrechseltem Holztrichter für Geber und Hörer. Es waren vor allem die Finanziers - etwa Bells Schwiegervater, der Patentanwalt Hubbard -, die eilig nach dem Patent drängten, um sich von Konkurrenten zu distanzieren. Tatsächlich kam Hubbard gerade zwei Stunden früher zum Patentamt als Elisha Gray, dessen System noch stärker im Grundaufbau an den Reis - Apparat erinnert.

Am Nachmittag seines 29. Geburtstags, am 3. März 1876, erreicht Bell das schönste Geschenk seines Lebens: die lang ersehnte Nachricht, dass ihm das Patent auf sein Telefon zugesprochen wird. Aber solange das Gerät nicht einwandfrei funktioniert, ist das Patent nur ein wertloses Stück Papier, das US-Patent Nr. 174 - 465 mit dem Titel „Improvement in Telegraphie“.

Am 10. März 1876 gelingt Watson und Bell das erste Telefonat der Weltgeschichte. Die Nachfrage nach seinen Telefonen ist gigantisch. Aber kaufen kann man die Geräte nicht. Nur mieten. So behält die von Bell und Hubbard gegründete Firma die Kontrolle über das Telefongeschäft, und es sprudeln regelmäßige Einkünfte in ihre Kasse.

Antonio Meucci

Der aus Italien nach Kuba und 1850 nach USA emigrierte Erfinder Antonio Meucci (geb. 1808 bei Florenz) hatte bereits 1854 ein Gerät zur Sprachübertragung entwickelt mit elektromagnetischen Spulen, das er Teletrofono nannte. 1872 gibt Meucci seine Entwürfe zur „American District Telegraph of New York“, der Firma in welcher Bell und Grey arbeiteten. Der Schutz durch seinen Patentvorantrag lief 1874 aus. Meucci hatte 1874 nicht das Geld um sein Patent zu verlängern. Da Meuccis Anspruch verfallen war, nutzte Bell die Gunst der Stunde und es stand der Patenteinreichung von Bell 1876 nichts im Wege.
Es ist naiv zu glauben, dass Bell bei seiner Patentanmeldung (1876) von den Telefonen von Meucci (1872 als Patent angemeldet - 1874 lief das Patent aus) nichts gewusst hätte.

Jahrelang stritt sich Meucci mit Bell erfolglos über eine finanzielle Entschädigung und starb verarmt 1886 (oder 1889). Erst am 11. Juni 2002 würdigte das US-Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten in einer Resolution Antonio Meuccis Erfindung und seine Arbeit bei der Einführung des Telefons. So ist Bell der erste Mensch, der aus der Erfindung des Telefons Kapital geschlagen hat, indem er Ideen seiner Vorgänger zur Marktreife weiterentwickelte.

Reis vs. Bell

Mit der Kommerzialisierung des Stiltelefons häuften sich Kritik und gerichtliche Klagen gegen Bell und die „Bell Telephone Company“, rief doch vor allem deren Monopolisierung viele Gegner auf den Plan. Wie lohnend das Geschäft war, zeigen die Produktionszahlen der Firma Siemens & Halske, in der die Tagesproduktion im November 1877 bereits bei 700 Stück lag. Nun sind es insbesondere englische und amerikanische Wissenschaftler, die an die Reis - Apparate erinnern. Ein erster Prozess im Juli 1879 bestätigte Bell als Erfinder, wie auch der Prozess in den Monaten Februar/März 1883, in denen Bell neun Tage lang vernommen wurde.

Doch bei den Untersuchungen benutzte man keinen originalen Reis - Apparat, sondern einen unzureichenden Nachbau. Zudem übersetzte man das deutsche Wort Ton nicht mit sound, sondern mit music – und schon meinte man, das von Reis entwickelte Gerät habe nur dazu gedient, Musik zu übertragen.

Schließlich legten die Gegner Klage beim Generalstaatsanwalt der USA ein, in der Hoffnung, nun die entscheidende Beweisführung vorlegen zu können. Silvanus Thompson, Professor für Experimentalphysik an der Universität Bristol, veröffentlichte 1883 ein Buch mit dem provokanten Titel: „Philipp Reis: Inventor of the telephone“. Gründlich befragte er Zeugen, um zu recherchieren, wie denn das Telefon erfunden wurde. Reis selbst hatte leider keine Versuchsprotokolle angefertigt oder hinterlassen. So war man auf das angewiesen, woran sein Umfeld sich noch erinnerte. Doch glücklicherweise hatten ihm einige Schüler bei den Experimenten unterstützt, die nun aussagen konnten.

Bell soll sogar Spione nach Friedrichsdorf geschickt haben, um die Lage auszukundschaften. Als nun das Buch von Thompson erschien, ließ Bell einen Großteil der Auflage aufkaufen und vernichten. Zollte Bell noch 1877 Reis in einem Vortrag in London sogar Respekt, indem er anerkannte, dass es ihm als erstem gelungen sei, mit Hilfe des galvanischen Stroms Sprache in die Ferne zu übertragen, so distanzierte er sich nun davon soweit es nur ging. Schließlich ging es um wirtschaftliche Interessen.
Diese standen für Reis nicht im Vordergrund. Ihm ging es primär um die wissenschaftliche Anerkennung. Er hat „der Menschheit eine große Erfindung geschenkt“, ohne jemals einen finanziellen Vorteil daraus zu ziehen. In Deutschland feierte man nun Reis als Erfinder, setzte ihm erste Denkmäler. Ein amerikanisches Fachblatt feierte Reis als den Telefonerfinder und kam zu dem Resultat, „that a German inventor gave it freely to mankind“.

So arbeiteten viele Ingenieure und Wissenschaftler daran, um den heutigen Entwicklungsstand zu erreichen. Aber wie konstatierte bereits Reis nach seinem Experimentalversuch 1861: „Zur praktischen Verwertung des Telefons dürfte noch sehr viel zu tun übrig bleiben“.

Posthume Würdigung

Gegen Ende des Jahres 1947 hatte eine Nachricht aus dem Londoner Wirtschaftsmuseum für Aufregung gesorgt: Mit dem 1863 gebauten Reis - Apparat hatte man erfolgreich Versuche durchgeführt, doch hielt man die Ergebnisse geheim, um nicht Verhandlungen der „Standard Telephones Cables“ und der „American Telegraph an Telephone“ (AT&T) zu stören. Nun ging diese Nachricht um die Welt: In England hieß es: Nein, mein Gott! The Germans invented the telephone! Nachfragen kamen aus Afrika, die Nachricht war in Indonesien ebenso zu lesen wie in Japan. Und zum Schluss – die Erde ist ja rund, kamen  - telefonisch - die Anfragen aus Deutschland. Spät wurde Reis nun doch noch als Telefonerfinder gewürdigt. 

Somit können wir also unser wegweisendes Vorbild Philipp Reis als Telefonerfinder bestätigt sehen. Das Patent jedoch hatte, auch zum Leidwesen anderer, leider Alexander Graham Bell angemeldet.

Für mich, der diese Informationen zusammengetragen hat, steht fest: Ohne die Vorarbeiten von Reis, Meucci, Gray und den vielen anderen Pionieren auf dem Gebiet der Telefonie wäre es nicht zu Bells Patentanmeldung am 14. Februar 1876 gekommen. Bell hat meinen Recherchen nach von seinen Erfinderkollegen reichlich abgekupfert. Bell gilt nach m. M. zu Unrecht als der bedeutendste Erfinder des Telefons. Seine Version verfügte über verbesserte Sender und Empfänger, funktionierte aber nach demselben Prinzip wie das Reis'sche Modell, dessen Konstruktionspläne Bell wohl kannte. Er hat durch seinen cleveren Schwiegervater (Anwalt) früh das Patent erworben und für eine weltweite Vermarktung gesorgt. Zu den „wahren“ Erfindern gehört eindeutig Philipp Reis.

„Ich habe der Welt eine große Erfindung geschenkt, anderen muss ich es überlassen, sie weiterzuführen“, hatte der schwerkranke Reis erkannt. Ihn in einem guten Andenken zu bewahren, das ist ein Anliegen des GVIT.

Und mit den Bell-Telefonen schließt sich der Kreis zu unserem Firmengründer:

Harry Fuld

Als der 20-jährige Harry Fuld am 13. April 1899 in der Liebfrauenstraße 6 in Frankfurt unter dem hochstaplerisch klingenden Namen „Deutsche Privat-Telefongesellschaft H. Fuld & Co.“ ein winziges Installationsgeschäft für Miet-Telefone der Bell Company eröffnete, verstand er von der Technik der Telefonie so gut wie gar nichts. Darum kümmerte sich mit umso mehr Geschick und Sachverstand sein Kompagnon, der einige Jahre ältere Uhrmachermeister und schwäbische Tüftler Carl Lehner. Was Harry Fuld hingegen auszeichnete, war kaufmännischer Weitblick. Er erkannte, dass die in Amerika, in Belgien und Frankreich in bescheidenem Rahmen bereits praktizierte Vermietung und Wartung von Haustelefon-Anlagen durch private Firmen ein riesiges, nachhaltiges Geschäftspotential barg, weil solche Anlagen wegen ihrer hohen Einrichtungskosten und Reparaturanfälligkeit geradezu nach preisgünstigen, aber langfristigen Abonnementsverträgen mit Wartungsgarantie verlangten und technisch hochwertige Produkte erforderten. Deshalb begann Fuld und Lehner selbst, eigene Telefonanlagen zu bauen.

Der Kreis schließt sich

Bell > AT&T + Fuld > TN = AVAYA-Tenovis.
Vereinfacht gesagt stammt AVAYA „väterlicherseits“ von Bell und „mütterlicherseits“ von Fuld ab.

Von der Bell Telephone Company (1877) wurde 1899 das Anlagevermögen durch die American Telephone and Telegraph Corporation AT&T aufgekauft. Aufgrund eines Antitrust-Verfahrens gegen AT&T wurden die Bell Laboratories in Lucent Technologies übernommen. 2000 entschied man sich bei Lucent, sich vom Geschäftsbereich für Unternehmenskommunikation zu trennen und gründete AVAYA Inc.

1899 gründete Fuld die Deutsche Privat Telephon Gesellschaft H. Fuld & Co mit dem Markennamen Priteg, die 1934 in die Telefonbau und Normalzeit A.G.überführt wurde. 1981 gründeten daraus die Robert Bosch GmbH (mit 75,5 % Anteil) und die AEG-Telefunken AG (mit 24,5 % Unternehmensanteile) die Firma Telenorma. 1989 wurde Telenorma in die Bosch Telecom GmbH eingegliedert und hieß ab 1992 „Bosch Telenorma“. Bosch verkaufte 2000 die Bereiche Private Netze und Endgeräte an die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) die „Tenovis“ gründeten. Tenovis wurde 2004 dann von AVAYA übernommen.

Autoren:
Karl-Heinz Klein, nach einem Schriftverkehr zwischen der Direktorin des Philipp Reis Museums, Frau Dr. Erika Dittrich und Ihrer Mitarbeiterin Frau Rebekka Hertweck, sowie Recherchen des ZDF und Auszügen aus Wikipedia ergänzt durch Franz Hagenmaier

telefongeschichte/erfinder.txt · Zuletzt geändert: 13.01.2021 15:23 von hagenmaier